Offener Brief an Jürgen Fitschen

Offener Brief an Jürgen Fitschen

von Christopher Grätz - 29.09.2015

an

Herrn Jürgen Fitschen
Chef des Bankenverbandes
Vorstand der Deutschen Bank AG

 

Betreff: Interview in der FAZ am 26.09.2015

Sehr geehrter Herr Fitschen,

mit großem Interesse habe ich als Vorstand der kapilendo AG Ihr Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Samstag, den 26. September 2015 gelesen. Ich freue mich, dass das Thema Financial Technology und die wachsende Zahl der deutschen Fintech-Unternehmen auch beim Bankenverband und bei Ihnen als Vorstand der Deutschen Bank Aufmerksamkeit findet.

Als Gründer eines Fintech-Unternehmens möchte ich gerne Stellung zu denen von Ihnen gemachten Aussagen nehmen. Ihnen wurde die Frage gestellt, auf welchen Gebieten die Fintechs besser seien und wo die Banken. Und so lautet Ihre Antwort:

„Die Fintechs haben sich sehr intensiv mit den technologischen Möglichkeiten beschäftigt. Sie stoßen aber an Grenzen. Nehmen Sie nur das „Peer to Peer Lending“ – also Internetplattformen, auf denen Anleger und Kreditnehmer direkt zusammengebracht werden. Es beeindruckt die Investoren vielleicht, dass die Zinsen dort für sie höher sind. Allerdings übernehmen die Anleger bei solchen Kreditplattformen Kreditrisiken, die sonst die Bank trägt. Viele sehen das nicht. Das kann zu einem bösen Erwachen führen. Einen Vertrauensvorsprung haben die Banken bei den Themen Datenschutz und Sicherheit. Den müssen sich die Fintechs erst noch erarbeiten.“

Dazu möchte ich folgendes kommentieren:
Die Finanzkrise von 2008 hat den deutschen Anlegern und Steuerzahlern schmerzlich bewiesen, dass die Banken, die von Ihnen im Interview angesprochenen Risiken, eben nicht selbst tragen können. Die Sicherungssysteme der Banken haben das Ausmaß der Probleme nicht abfangen können. Im Gegenteil: Als es wirklich darauf ankam, haben die Sicherungssysteme der Banken auf ganzer Linie versagt.  

Ohne den Hilferuf der Banken nach der Politik, wären wir heute sicherlich bereits um einige Finanzinstitute ärmer. Mit dem Verweis auf die gesamtwirtschaftliche Systemrelevanz des Bankensektors wurde den handelnden Politikern weisgemacht, dass die Rettung der Banken und die damit verbundene Übernahme (Sozialisierung) des Risikos „alternativlos“ seien. Mit der Pistole auf der Brust reagierte die Bundesregierung und stellte im  Eilverfahren 480 Milliarden Euro zur Verfügung. Das war notwendig um den Bankensektor vor dem vollständigen Kollaps zu bewahren. Vor allem aber waren diese Milliarden auch notwendig, um die Bankkunden zu beruhigen und einer Anlegerflucht entgegenzuwirken. Die zur Verfügung gestellten Milliarden sind letztendlich wieder Teil des Bundeshaushalts, finanziert aus Steuergeldern. Somit tragen die Anleger auch bei den Banken das Risiko am Ende selbst.

Viel gravierender noch: Bei der Entscheidung wo ihr Geld investiert und angelegt wird, wo also genau die Bank Kreditrisiken eingeht, entscheidet nicht der Anleger selbst. Es ist die Bank, die für den Anleger die Risiken eingeht, die sie aber nicht in voller Konsequenz selbst tragen kann. Immer komplexere Produkte und immer weitreichendere Transaktionen führen zum völligen Verlust der Transparenz des Finanzmarktes und zum Vertrauensverlust bei den Kunden.

Die Fintech-Unternehmen treten an, um genau diese Missstände zu beseitigen. Der Ansatz des Peer-to-Peer Lending gibt Anlegern die Möglichkeit, wieder selbst zu entscheiden wem und wofür sie ihr Geld zur Verfügung stellen. So stellen sich die Anleger die Kreditprojekte nach ihren eigenen Vorstellungen und ihrem eigenen Risikoprofil zusammen.

Die Rückkehr zur Transparenz und die Demokratisierung des Finanzwesens für die Kunden sind zentrale Motivationspunkte für die Entstehung der Geschäftsmodelle der Fintech-Unternehmen. Damit ist Crowdlending die logische Antwort auf die Missstände im Finanzsektor, die seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 gnadenlos offengelegt wurden.

Mit freundlichen Grüßen,
Christopher Grätz